Vor Kurzem rief mich eine Führungsperson aus meinem beruflichen Umfeld an. Es ging um einen Mitarbeitenden, der eine schlechte Gesundheitsprognose erhalten hatte. Noch bevor wir miteinander sprachen, begann es in mir zu arbeiten.
Mein Kopf war sofort hellwach. Was genau hat wohl diese Person? Wie gehe ich damit um? Was sage ich – oder besser: was sage ich nicht?
Mein Verstand tat, was er oft tut: Er wollte mich schützen. Also spielte er Szenarien durch, formulierte mögliche Sätze, suchte nach der
«richtigen» Haltung. Er wollte Sicherheit schaffen in einer Situation, die sich schlicht nicht kontrollieren lässt. Und doch war da gleichzeitig etwas anderes in mir. Eine stille Beobachterin,
die all diese Gedanken wahrnahm – ohne sich von ihnen identifizieren zu lassen. Und sie stellte eine viel einfachere Frage:
Was braucht ein Mensch mit einer schlechten Gesundheitsprognose wirklich?
Die Antwort kam intuitiv. Sie war leise und klar: einfach da sein! Nicht verniedlichen, nicht erklären und auch nicht stark wirken.
Einfach da sein. Präsenz. Offenheit. Nahbarkeit. Meine eigene Unsicherheit spüren dürfen. Die Angst. Vielleicht auch Traurigkeit. Nichts davon wegdrücken. Nichts beschönigen. Und gleichzeitig dem
anderen Menschen Raum geben für alles, was in ihm auftaucht.
Der Verstand kann Gefühle übertönen. Aber er kann sie nicht aus der Welt schaffen. Sie sind da – ob wir wollen oder nicht. Solche Begegnungen sind
ehrlich. Sie zeigen mir, wo ich selbst stehe:
· Springt mein Kopf sofort an, wenn es unsicher wird?
· Erlaube ich mir meine Gefühle – oder bewerte ich sie in «gut» und «schlecht», so wie ich es vielleicht als Kind gelernt habe?
· Wie sehr vertraue
ich dem Moment, dem Leben – und mir selbst?
In herausfordernden Situationen mit anderen Menschen begegne ich immer auch mir selbst. Wenn ich meine eigenen Gefühle annehmen kann – alle, ohne Ausnahme –, dann gelingt mir etwas Entscheidendes: Ich muss nichts mehr leisten. Nichts beweisen. Nichts kontrollieren. Dann kann ich einfach da sein – bei mir und dadurch auch beim Gegenüber – echt, menschlich und genau deshalb hilfreich...
